Mein neuer Coding-Partner – und warum viele Entwickler ohne KI nicht mehr arbeiten
Ostermontag kam ein Freund von mir, Software-Entwickler in Hamburg, auf einen Kaffee vorbei. Ich lotste ihn direkt in mein Büro und zeigte ihm mein jüngstes Werk. Ein Projekt, bei dem ich anfangs dachte: Das kann doch nicht klappen, oder? Ein umfangreiches WordPress-Plugin von Grund auf neu – mit KI coden? Doch. Es klappt. Mein neues Baby, das Denkradar-Recherche-WP-Plugin, wächst. Entwickelt via Pair-Programming. Mein Partner: Künstliche Intelligenz.
Undenkbar für echte Entwickler? Oh nein. Für meinen Kaffeebesuch ist das Entwickeln mit KI längst völlig normal. Und als ich kürzlich mit zwei IT-Projektleiterinnen auf einem Event (Women in Tech in Hamburg, siehe Linkedin-Beitrag)) sprach, bestätigte sich das Bild: Viele Entwickler arbeiten inzwischen selbstverständlich mit KI-Unterstützung.
Warum? Weil es Arbeit spart und Wege abkürzt. Dinge kann, die ich nicht kann.
Aber: Arbeit oft auch verlängert. Denn KI macht Fehler. Viele. Und Fehlersuche kostet Zeit – oft mehr, als einem lieb ist! Siehe Learnings, auch als Grafik, im 2. Teil des Beitrags.
Was genau ist Pair-Programming mit KI?
Klassisches Pair-Programming stammt (wenn wundert es) aus der agilen Softwareentwicklungswelt. Dabei sitzen zwei Leute vor einem Rechner und arbeiten zusammen an einer Aufgabe. Einer tippt den Code (der „Driver“), der andere liest mit, denkt voraus und behält den Überblick (der „Navigator“).
Beim Pair-Programming mit der KI übertragen wir dieses Konzept einfach. Die Rollenverteilung sieht in meinem Arbeitsalltag so aus:
- Ich bin der Navigator (und die Projektleiterin): Ich gebe die Richtung vor, definiere die Anforderungen, denke die Logik durch und entscheide konsequent, welcher Code ins Projekt kommt – und was wieder rausfliegt.
- Die KI ist der Driver (und mein fleißiger Code-Lieferant): Sie liefert schnell Entwürfe, Code-Snippets und Lösungsvorschläge. Anfangs auch komplette Strukturen, später vor allem gezielte, minimalinvasive Änderungen.
In Sekunden liegt ein Entwurf vor. Ich prüfe, baue ein, teste. Wenn es hakt, kopiere ich die Fehlermeldung zurück in den Chat. Die KI analysiert, schlägt Korrekturen vor. Das ist ein ständiger Dialog mit einem extrem schnellen Sparringspartner.
Was sich dadurch verändert, ist mehr als nur ein neuer Workflow. Ich bin nicht mehr nur Konzeptionerin, Dozentin und Webdesignerin. Ich entwickle heute echte Lösungen – mit KI als Werkzeug. Und genau das verändert gerade vieles.
Denn plötzlich wird Umsetzung möglich, die vorher an Zeit, Budget oder fehlendem Spezialwissen gescheitert wäre. Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Ohne klares Denken, Struktur und Entscheidungen funktioniert es nicht.
KI ersetzt kein Denken – ganz im Gegenteil!
KI als Coding-Partner – funktioniert das wirklich? Meine Learnings:
Nach vielen (!) Stunden Trial & Error sind mir fünf Dinge glasklar geworden:
- Ohne glasklare Ansagen macht die KI, was sie will
Formulierst du die Aufgabenstellung zu schwammig, erfindet die KI eigene, oft unnötig komplizierte Wege. Du musst exakt definieren, was passieren soll und – was NICHT getan werden soll. Je genauer dein Prompt, desto brauchbarer der Code.
- Hol dir immer eine Zweitmeinung
Verschiedene Modelle haben unterschiedliche Stärken. Wenn du bei einem komplexen Bug feststeckst, wirf den fehlerhaften Code testweise in ein anderes KI-Tool. Oft sieht ein anderes Modell den Fehler sofort. Dieses „Vier-Augen-Prinzip“ unter KIs rettet dir stundenlanges Kopfzerbrechen.
- Arbeite minimalinvasiv, sonst zerschießt du dir alles
Bittest du die KI, „nur mal kurz diesen Fehler zu beheben“, generiert sie oft die komplette Datei neu. Dabei verschwinden gerne mal andere Funktionen, die vorher einwandfrei liefen. Lass dir immer nur die exakten, kleinen Code-Schnipsel geben und füge sie selbst gezielt ein. Und: Nach jedem funktionierenden Schritt gehören Test und ein Backup zur Pflicht!
- Die KI ist schnell durcheinander
In langen Chat-Verläufen verliert das Modell irgendwann den roten Faden. Vorgaben verschwinden, Zusammenhänge gehen verloren. Starte für neue Features lieber einen neuen Chat – mit sauberem Kontext.
- Gibt die Verantwortung nicht ab
Die KI schreibt schneller, als du lesen kannst. Genau darin liegt ein Risiko – schnell verlierst du den Anschluss! Wer deshalb die Verantwortung abgibt, verliert auch die Kontrolle. Nicht nur, dass laut AI-Act der EU, ein Mensch die letzte Instanz sein muss: Nutze die KI als Werkzeug. Und als Tutor. Denke selbst! Und halte inne, wenn dir das alles zu schnell geht.
Fazit: Eine steile Lernkurve
Mein Plugin ist zu 95% fertig – es wuchs durch diese Methode enorm schnell. Pair-Programming mit KI ist kein Selbstläufer, sondern eine völlig neue Fähigkeit. Es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen, präzise zu delegieren und die Antworten kritisch zu bewerten.
Wer glaubt, KI ersetzt Entwickler komplett, denkt zu kurz. Wer lernt, mit KI zu arbeiten, wird schneller, besser und unabhängiger.
Hier die Learnings noch als Grafik:






